ASTERIX – der Comic-Held

 

 

 

 

 

Ein einziges Mal bin ich von meinen Eltern mit einem Kochlöffel verhauen worden, wegen des großen Comichelden Donald Duck. Ich war sieben oder acht Jahre alt, und ich durfte keine Comichefte kaufen. Denn die galten als Schund und Schmutz. Ich durfte sie aber lesen, bei meinem Freund Götze. Den Namen werde ich nie vergessen. Der besaß große Stapel von den Bilderheftchen, und wir lasen uns fest. Eigentlich sollte ich zu Hause sein, „wenn die Laternen angingen“. Aber das war ja alles so spannend! Die Abenteuer, z.B. „Der Schatz des Eldorado“ (Hauptfiguren: Onkel Dagobert, Donald, seine Neffen Tick, Trick und Track), erstreckten sich über drei Hefte. Aber im dritten Heft gab es dann schon ein neues Abenteuer, bei dem der erste Teil mit den Worten endete: „Fortsetzung folgt“. Und ich vergaß Raum und Zeit. Und kam zu spät nach Hause. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Ich weiß, meine Eltern waren nicht bösartig, sie hatten Angst um mich. Aber das war der Anfang meiner Riesenfaszination durch die Comics. Das Genre wurde seit den 60er Jahren gesellschaftsfähig und gewann immer neue Leserschichten. Es gibt Comics für Erwachsene, Abenteuercomics, Westerncomics, Horrorcomics, Kriminalcomics, Sexcomics und vieles mehr. Wobei das Wort „Comics“ eben nicht nur komische Geschichten umfasst, die lustigen sind speziell die „Funnys“. (Zwischenbemerkung: Comics gibt es seit mehr als hundert Jahren, ein großer Vorläufer war Wilhelm Busch.)

 

 

 

Die bekannteste historische Funny-Serie (gemeint sind lustige Geschichten mit karikaturhaft gezeichneten Figuren vor einem historischen bzw. realistischen Hintergrund) ist natürlich Asterix, die erfolgreichste Comicserie Frankreichs.

 

 

 

Die Erlebnisse des kleinen aufrechten Galliers, gezeichnet von Uderzo und erzählt von Goscinny (seit einiger Zeit von Nachfolgern), sind von großer „comicologischer“ Bedeutung. Sie durchbrachen mit ihrem Humor viele Barrieren. Ihr erstes Auftauchen (1959) fiel in die absolut (Super)heldenfreie Zeit, in der per Gesetz sämtliche alle angeblich gewaltverherrlichenden Comics verboten waren. Ein gallischer Zwerg durfte sich viel mehr erlauben als die ins Exil geschickten Helden wie Phantom, Superman, Batman: nämlich kräftige Schläge und Superkräfte! Asterix ist die Hauptfigur der Geschichten, er wohnt mit seinem Freund Obelix in einem kleinen gallischen Dorf zur Zeit der römischen Besatzung um 50 vor Christi Geburt.

 

 

 

Mit Hilfe des Zaubertranks des Druiden Miraculix, der übermenschliche Kräfte verleiht, bekämpfen die Dorfbewohner die zahlenmäßig weit überlegenen römischen Besatzer. Asterix ist ein kleiner listiger Krieger, „voll sprühender Intelligenz“. (Der Name Asterix kommt von dem typographischen Zeichen „astérisque“ (Sternchen), welches Fußnoten anzeigt, also etwas mit Wissenschaft und Intelligenz zu tun hat. Mit dem Gendersternchen hat das absolut nichts zu tun.) Obelix ist in doppeltem Sinne der „dickste“ Freund von Asterix. Er ist Lieferant von Hinkelsteinen, großer Liebhaber von Wildschweinen und wilden Raufereien, und er wird begleitet von seinem Hündchen Idefix, das vor Verzweiflung aufheult, wenn man einen Baum fällt. Obelix' Lieblingsspruch ist bekanntlich: „Die spinnen, die Römer“. Miraculix ist der Druide, wir haben ihn schon erwähnt. Troubadix ist der Barde, und schließlich gibt es noch den Häuptling Majestix, der nur ein Ding fürchtet: dass ihm eines Tages der Himmel auf den Kopf fällt. Diese Protagonisten erleben und bestehen seit nunmehr 65 Jahren unzählige Abenteuer, die sie in alle Welt führen. Der erste Band hieß schlicht „Asterix der Gallier“,

 

 

 

der vierzigste ist 2023 erschienen und heißt „Die weiße Iris“. Inzwischen war Asterix bei Kleopatra, bei den Normannen, bei den Goten, bei den Korsen, bei den Schweizern, im Morgenland, bei den Olympischen Spielen, usw. usf. Das Tolle an diesen Geschichten ist, dass sie immer auf zwei Ebenen spielen, einmal in der Antike, zum anderen heute, denn sie sind voller Anachronismen und Anspielungen auf unsere Gegenwart. Zum Beispiel, wenn die Briten Namen wie „Teefax“ haben oder wenn Personen auftauchen, die wie heute bekannte Politiker oder Filmschauspieler aussehen, oder wenn es um Popmusik, Drogen oder Jugendwahn geht. Nationale Eigenschaften werden ironisisiert und persifliert, z.B. tragen die Goten Pickelhauben und sprechen in den Sprechblasen „Frakturschrift“.

 

 

 

Die Bücher sind beliebt bei jungen und alten Lesern, die einen erfreuen sich an der aktionsreichen und witzigen Handlung, die anderen an den satirischen Seitenhieben. Hinzu kommt natürlich die künstlerische Gestaltung, die zeichnerische Perfektion mit ihren absolut originellen köstlichen Figuren und ihrer minutiös geformten Gestik und Mimik, ihren detailreichen Landschaften und Gebäuden.

 

 

 

Typisch bei Asterix sind die running gags. Einige Beispiele:

 

  • Die „Stilllegung“ des Barden Troubadix, insbesondere zum traditionellen Schlussbankett, meist durch den Schmied Automatix.

  • Obelix fragt immer: Wer ist hier dick?

  • Der keilereiauslösende Disput des Schmiedes Automatix mit dem Fischhändler Verleihnix über die Frische von dessen Fischen.

  • Die diversen Stürze des Häuptlings Majestix von seinem Schild, wobei meist den Trägern die Schuld zugewiesen wird.

 

Die altklugen lateinischen Zitate des Piraten Dreifuss, meist nach der Versenkung des Schiffes durch die Gallier.

 



 

Das allein ist aber nicht allein entscheidend für den Welterfolg dieser Serie. Der Erfolg liegt daran, dass hier Allgemeinmenschliches erzählt wird, mit dem sich fast jeder identifizieren kann. Man hat das Geschehen in Gallien entsprechend auch politisch interpretiert. So kann man etwa einerseits feststellen, dass hier in gewisser Nationalstolz im Dorf vorhanden ist, auch eine Dickköpfigkeit, ein Abkapseln von fremden Einflüssen. Diesen Ruf haben in Frankreich nicht nur die Bretonen. Andererseits kann man das Verhalten unserer Helden auch als „Résistance“ sehen, als den Kampf gegen die Unterdrücker. Und das alles kommt ja auf der ganzen Welt vor. Wie natürlich auch die Rangeleien und Eifersüchteleien, in der Dorfgemeinde.

 

 

 

Ein Kritiker schrieb Folgendes: „Obwohl Asterix elementare menschliche Werte vermittelt, kann das Gesamtwerk (…) nicht als Beispiel für 'political correctness' herangezogen werden. Praktisch alle Römer spinnen. Auseinandersetzungen mit ihnen werden meistens mit Gewalt gelöst. Die Goten sind selbstverständlich tumbe Massenmenschen, die blind ihren Führern nachlaufen und in Hakenkreuzen fluchen. Neger haben eng zusammenstehende Augen, Tellerlippen und können kein R sprechen. (…) Die Helvetier haben einen Reinlichkeits- und Pünktlichkeitstick, und die Griechen betreiben stets Vetternwirtschaft. (…) Frauen sind selbstverständlich weder bei den Abenteuern noch bei den abschließenden Festmahlen dabei. (...) Außerdem sind Frauen wie Gutemine und Jellosubmarine echte Nudelrollen-Tanten, die ihre (...)Männer schwer unter der Fuchtel haben.“ Oder Sexpüppchen wie Falbala.

 

 

 

Die Kritik ist abwegig. Sie verkennt, dass die ganze Geschichte voller Ironie und Selbstironie steckt und dass im Grunde alle Komödien der Welt auf Klischees und Übertreibungen beruhen. Und dass Asterix auch viel politische Satire enthält.

 

 

 

Übrigens eignet sich Asterix auch sehr gut für den Französischunterricht. Ich habe in der Jahrgangsstufe 11 immer gern den Band „Asterix – Tour de Gaule“ durchgenommen - Die Reise, die Asterix und Obelix unternehmen, führt durch ganz Frankreich – bzw. Gallien – und überall nehmen die beiden regionale Spezialitäten mit, um eine Wette gegen Cäsar zu gewinnen.

 

 

 

Um die Größe des Asterix-Imperiums zu demonstrieren, noch ein paar Fakten.

 

Bis 2025 wurden einundvierzig Asterix-Bände veröffentlicht. Übersetzt wurden die Bände in 107 Sprachen und Dialekte. Es gibt Asterix z.B. auf Ruhrdeutsch („Die dickste Buchse vom Revier“), auf Hessisch usw.

 

Es wurden weltweit über insgesamt 350 Millionen Asterixbände gedruckt, wobei der mit Abstand größte Erfolg in Frankreich mit 130 Millionen Bänden und in Deutschland mit 120 Millionen Bänden erreicht wird.

 

Es gibt Abenteuer-Spielbücher, Koch und Backbücher. Es gibt zahlreiche Plagiate, z.B. „Asterix und das Atomkraftwerk“: Julius Cäsar will einen Brutus Rapidus an Stelle des gallischen Dorfs bauen, also einen Schnellen Brüter. Es gibt 40 Hörspiele, einige Videospiele. Es existiert eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen zu Asterix, insbesondere zum historischen Kontext, sprachwissenschaftliche Studien zur Rolle des Comics, zur Übersetzung humoristischer, mit Sprachspielen arbeitender Texte, Umsetzung von Comics in das Medium Film. Die Untersuchungen sind nicht immer ganz ernst gemeint. So untersuchte Marcel Kamp von der Heine-Universität Düsseldorf die „Fälle von Schädelhirntraumata durch Brachialgewalt in den Asterixalben.“ Es gibt zehn Zeichentrick- und computeranimierte Filme und fünf Realfilme mit Gérard Depardieu als Obelix. Es gibt Asterix und Obelix als Figuren, auf T-Shirts, auf Tassen, als Karnevalskostüm.

 

Der Parc Astérix ist ein im Jahr 1989 dreißig Kilometer nördlich von Paris eröffneter Freizeitpark, dem eine Hotelanlage angeschlossen ist. Dieser der Welt des Comichelden Asterix geweihte Themenpark nimmt mit etwa 1,8 Millionen Besuchern den vierten Rang unter den besucherstärksten Freizeitparks in Frankreich ein.

 

Der unüberwindliche kleine Gallier Asterix wird verehrt als einer der großen Kulturhelden Frankreichs und als die Figur, die in den 60er Jahren den Comic für Erwachsene und Intellektuelle salonfähig machte.